Kelchbecherlinge in Oberschwaben

Sarcoscypha austriaca (Beck : Saccardo) Boudier

(zuletzt geändert am 09.04.2015)

© 2006-2015 Karl R. Keck, Geschw.-Scholl-Str. 28, 88400 Biberach, e-Mail:

Wer im März oder April im Lauter- oder Wolfstal (Schwäbische Alb) einmal eine Märzenbecher-Wanderung unternommen hat, der hat auch schon die Zinnoberroten Kelchbecherlinge gesehen, auf die dort durch Tafeln besonders hingewiesen wird.

Kaum vermuten wird man Kelchbecherlinge jedoch in einem Feuchtbiotop wie dem Ummendorfer Ried, das unmittelbar neben der Bundesstraße 30 südöstlich von Biberach an der Riß liegt.

Am 09.01.2001 leuchtete mir dort aus der Fichtennadelstreu ein scharlachroter Becherling entgegen, der einem vermoderten Laubholzästchen entsprang, das später als ein Erlen-Ästchen, Alnus, identifiziert wurde. In den folgenden Wochen machte ich wöchentlich einen Kontrollgang in das Fundgebiet, das zwar unmittelbar an das Naturschutzgebiet Ummendorfer Ried angrenzt, aber noch außerhalb des eigentlichen Schutzgebiets liegt.

Immer mehr Fruchtkörper kamen zum Vorschein, alle auf Erlenästen (Alnus).

Anfang April 2001 zählte ich 330 Fruchtkörper. Bemerkenswert fand ich die lange Haltbarkeit der Fruchtkörper: Die beiden Aufnahmen zeigen ein und denselben Fruchtkörper! In Nord-Wales wurden (BROWN 1980) sogar Wachstumsperioden von 24 Wochen beobachtet.

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Aufnahme vom 09.01.2001                                                                                                Aufnahme vom 09.05.2001 (beide Fotos: Karl R. Keck)

Nun war die Frage, welche der drei möglichen Arten es wohl sein würde. Da laut BARAL (1984) die von der Schwäbischen Alb bekannte Sarcoscypha jurana ausschließlich an Ästen von Linde, Tilia, vorkommt, schied diese Art aus. Die mikroskopische Untersuchung ergab: Die Sporen sind an den Polen deutlich abgeplattet und es sind Konidiensporen vorhanden. Außerdem finden sich kleine Schleimkappen an den Sporenpolen. Nach dem Schlüssel von Baral bestimmte ich die Art deshalb als Sarcoscypha austriaca (Beck ex Saccardo) Boudier, Gemeiner oder Österreichischer Kelchbecherling. Um ganz sicher zu sein, sandte ich zwei Fruchtkörper an Hans Otto Baral, der meine Bestimmung bestätigen konnte.

Im Verbreitungsatlas von Krieglsteiner (1993) sind für Oberschwaben drei Fundpunkte für Sarcoscypha coccinea angegeben. Bei den beiden Punkten auf den MTB 8024 und 8124, auf denen der Schussentobel liegt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass damit Sarcoscypha austriaca gemeint ist. Hier finden sich die von Baral (1984) als bevorzugt genannten Substrate Erle (Alnus), Weide (Salix) und Ahorn (Acer) recht häufig, die von S. coccinea bevorzugten Substrate Ulme, Buche, Weißdorn (und andere Rosaceae) dagegen weniger.

Seit Januar 2001 kontrolliere ich den Fundort im Ummendorfer Ried regelmäßig. Der bisher früheste Fund war am 19.11.2003 und der späteste war der 03.06.2002. Die Apothezien erschienen in stark schwankender Anzahl: von 2 bis mehr als 300 Fruchtkörper. Aus der folgenden Tabelle ist eine drastische Abnahme der Anzahl von Fruchtkörpern ersichtlich.

Datum

10.04.01

02.05.06

24.02.07

22.03.08

10.04.09

25.03.10

04.04.12

Anzahl Fruchtkörper

330

220

170

142

125

92

43


Leider ist der Fundort durch rigorosen Einschlag der Fichten in 2013 ff. und die in der Folgezeit aufgetretene massive Verbreitung des Drüsigen Springkrauts (Impatiens glandulifera) weitgehend zerstört. Am 29. März 2015 fand ich dort immerhin noch 69 Fruchtkörper.

Eine orange Form von S. austriaca wurde von Vesterholt aus Dänemark berichtet (Svampe 38/1998). Eine gelbe Farbvariante wurde aus Italien als Sarcoscypha austriaca var. lutea von RUINI & RUEDL beschrieben (Rivista di Micologia, Nr. 4/1998). Laux (2001) bildet neben der Normalform eine gelbe Form von Sarcoscypha jurana aus dem Wolfstal / Schwäbische Alb ab. Im März 2009 sah ich bei Lauterach-Reichenstein mehrere gelbe Fruchtkörper von S. jurana. Am 2. März 2012 wurden mir von H. St. und am 15. März 2015 von M. und W. Ringger dort wieder gelbe jurana-Fruchtkörper berichtet. Trotz der großen Zahl der im Ummendorfer Ried gefundenen Fruchtkörper von Sarcoscypha austriaca konnte eine solche Farbvariante hier noch nicht gefunden werden.

Das Ummendorfer Ried (MTB 7924/2.42) wird bereits seit Jahrzehnten botanisch und mykologisch untersucht (LAUX 1986). Um so erstaunlicher ist, dass hier Kelchbecherlinge früher nicht gefunden wurden. Es stellt sich die Frage, ob diese Art hier plötzlich aufgetaucht ist oder ob sie, da in einem wenig attraktiven Teil des Ummendorfer Riedes (Fichtenparzelle mit eingestreuten Erlen und Weiden) außerhalb des Naturschutzgebiets wachsend, bisher nur übersehen wurde.

Auch im Ummendorfer Ried war das Substrat wie von PIDLICH-AIGNER (1999) angegeben, Grauerle, Alnus incana.

Weitere Fundorte:

1997 wurden im Schussentobel bei Durlesbach, dort jedoch auf Ästen von Bergahorn, Acer pseudoplatanus, zahlreiche Fruchtkörper von Sarcoscypha austriaca gefunden (31.03.1997, MTB 8024/3, am Schussenufer, und 8124/1, beim Wehr, leg. Hermann und Helga Brauner und Karl Keck, det. Hermann Brauner). Die mikroskopische Untersuchung eines Fundes aus 2001 von diesem Standort ergab S. austriaca auf einem Weiden-Ast, Salix spec.
Auch von Andreas Uhl, Bad Waldsee, wurden Funde von S. austriaca im Schussentobel berichtet.

Josef Ilg fand am 15. April 2010 und seither jährlich im Moosholz östlich Bellenberg Sarcoscypha austriaca auf am Boden liegenden Salix-Ästen (MTB 7726/2).

Anfang April 2010 entdeckte Alfred Buschle einen weiteren Standort von Sarcoscypha austriaca bei Englerts, MTB 8024/2, auf liegenden Ästen von Salix cf. caprea. Ebenfalls im April 2010 wurden von Helmut Herwanger Funde am Rötelsbach bei Schöntal und im Rotachtal bei Schönemühle sowie von Hermann Brauner ein Fund im Eschachtal bei Leutkirch-Winterstetten mitgeteilt.

Von der Rottum (unterhalb der Kläranlage) bei Steinhausen an der Rottum wurde ein weiterer Standort von S. austriaca bekannt (MTB 7925/4.23).

Diese Funde ergeben im Moment die folgende Verbreitungskarte für Sarcoscypha austriaca in Oberschwaben:




Literatur:

·  Baral, H. O. (1984): Taxonomische und ökologische Studien über Sarcoscypha coccinea agg., Zinnoberrote Kelchbecherlinge. Zeitschr. f. Mykol. 50 (1): 117 - 135.

Link zu den Sarcoscypha-Seiten auf der Homepage von Hans-Otto Baral

Brown, R. P. (1980): Observations on Sarcoscypha coccinea and Disciotis venosa in North Wales during 1978 - 1979. Bull. Brit. Myc. Soc. 14 (2): 130 - 135.

Hansen, L. / H. Knudsen [Hrsg.] (2000): Nordic Macromycetes. Vol. 1: Ascomycetes. Nordsvamp, Kopenhagen. S. 124.

Krieglsteiner, G. J. (1993): Verbreitungsatlas der Großpilze Deutschlands (West). Band 2: Schlauchpilze. Ulmer, Stuttgart.

Laux, H. E. (1986): Naturschutzgebiet Ummendorfer Ried. Ulmer Pilzflora I, S. 139 - 141.

Pidlich-Aigner, H. (1999): Sarcoscypha austriaca (Beck ex Sacc.) Boud. und S. coccinea (Scop.:Fr.) Lamb. (Sarcoscyphaceae) in der Steiermark. Untersuchungen zur Verbreitung, Ökologie und Unterscheidung der beiden Arten. In Joannea Bot. 1: 5-26 (1999)

Ruini S. & E. Ruedl: Un nuovo taxon di Sarcoscypha: S. austriaca var. lutea var. nov. - in: Rivista di Micologia, pag. 319 :rivista4 (1998)

Südwestdeutsche Pilzrundschau Heft 27/1 (1991), S. 1.

Vesterholt, J. [Hrsg.](1998): Notes on rare fungi collected in Denmark. Svampe 38: 7-12.

Abbildungen:

Labhardt, F. / T. R. Lohmeyer (2001): Faszination Pilze. BLV, München. S. 14

Læssøe, Th. / DelConte, A. (1997): Der neue BLV-Pilzatlas. BLV, München. S. 29

Læssøe, Th. (1999): Pilze. Ravensburger Naturführer. Urania-Ravensburger. S. 264

Laux, H. E. (2001): Der große Kosmos-Pilzführer. S. 680 (S. jurana)

Laux, H. E. (2002): Der neue Kosmos-Pilzatlas. S. 294 (S. jurana)

Schmid, H. / Schmid, I. (1991): Ascomyzeten im Bild, Band 2. IHW, Eching. Seite 57

Der Tintling 4/1996. S. 35

Vesterholt, J. [Hrsg.](1998): Notes on rare fungi collected in Denmark. Svampe 38: 7-12.

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